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Geschichte der Stadt

Geschichte der Stadt beschrieben von Lev Lurie

„Sankt Petersburg ist eine besondere, eine „im Voraus erdachte“ Stadt, wie es Dostojewskij formulierte. Es ähnelt keiner anderen Stadt der Welt aufgrund ganz objektiver und geografischer Gründe. Im Folgenden seien zehn Merkmale genannt, die sein Antlitz ausmachen.


St. Petersburg ist die jüngste der größten europäischen Städte. Sogar die Örtlichkeit, an der es liegt, entstand erst vergleichsweise spät. Zur damaligen Zeit hatte Konfuzius seine Hauptwerke schon geschaffen, die “Odyssee” und die “Ilias” waren geschrieben, Buddha hatte seine irdische Reise beendet, die Perser hatten Ägypten erobert. Graue Vorzeit gibt es hier nicht, aber die Zeitepoche Russlands, die nach dem Peter dem Grossen folgte, findet sich im Vergleich zu jeder anderen beliebigen Stadt des Russischen Reiches am besten repräsentiert. Es gibt weltweit keinen anderen Ort, in dem so viele architektonische Denkmäler des Neoklassizismus, der Eklektik, des Modernismus oder des Retrospektivismus finden könnte. Das historische Zentrum St. Petersburgs, die Hof-, Paläste- und Parkensembles der Vororte sind in das Weltkulturerbe der Menschheit bei der UNESCO eingetragen.


St. Petersburg ist die nördlichste der großen Städte dieser Welt und die größte Stadt des Nordens: Der 60. Breitengrad, auf dem sie liegt, geht durch Grönland, Alaska (Stadt Anchorage), Magadan und Oslo, die Hauptstadt Norwegens. Darum sind hier die Weißen Nächte eine der touristischen Hauptattraktionen. Die Weißen Nächte sind eine erstaunliche Zeit von Mai bis Juni, wenn es sogar um Mitternacht draußen ziemlich hell ist und die Stadt fast gar nicht schläft. Die Kehrseite der Medaille sind harte Winter: entweder Matschwetter und Schmutz oder Frost, der in Verbindung mit hoher Feuchtigkeit nur schwer zu ertragen ist.


Die Newa ist die Hauptwasserader St. Petersburgs. Man nennt sie auch den mächtigen Zwerg. Obwohl die Newa nur 74 km lang ist, trägt sie mehr Wasser mit als die Flüsse Dnjepr und Don zusammen genommen. Genau genommen ist sie kein Fluss, sondern eine Wasserstraße zwischen dem Ladoga- und dem Ostsee. Seit Jahrhunderten galt diese Gegend als mörderisch: verheerende ‹berschwemmungen, miserabler Wind und Stechmücken. Und nur “ der finnische Fischer, das verachtete Stiefkind der Natur“ konnte dieses „schwankende, verkümmerte Ufer“ bewohnen (Puschkin). Die Entscheidung vom Peter, hier die neue Hauptstadt Russlands zu gründen musste als ein völliger Irrsinn erscheinen (was es sicher auch war). Aber das Genie bezwingt die Umstände.


St. Petersburg ist der Zahl der Brücken nach Europameister, der Zahl der Kanäle und Inseln nach Vizeeuropameister. Die Vororte eingeschlossen, gibt es hier 64 Flüsse und 48 Kanäle, 170 km Uferstraßen, ca. 100 Inseln und 800 Brücken (Venedig hat mehr Kanäle und Inseln, aber weniger Brücken). Die Zahl der Rundfahrtboote, Motorboote und Schiffe in St. Petersburg wächst jedes Jahr beständig an. Und man darf die Chance nicht verpassen, die Stadt vom Wasser aus anzuschauen.


St. Petersburg ist eine widerstandsfähige Stadt. ‹ber der Stadt sprengte man zweimal quasi eine Neutronenbombe: die Bevölkerung starb aus, die Gebäude blieben fast unberührt. Aber jedes Mal baute St. Petersburg seinen Charakter und Geist auf. St. Petersburg ist für jedwede Regierung eine gefährliche Stadt. Vor der Revolution wurde hier der Thronfolger Zarensohn Aleksej Petrowitsch, die drei Imperatoren Peter III, Paul I. und Alexander II, zwei Innenminister und ein Stadtoberhaupt umgebracht (ein anderer schwer verletzt). Seit der Zeit seiner Gründung gab es in der Stadt fünf Palastrevolutionen, den Dekabristenaufstand und drei Revolutionen. Die Bolschewiki erschossen drei Großfürsten. Von den Leitern der kommunistischen Organisation der Stadt wurden neun erschossen und einer, Kirow, wurde unter mysteriösen Umständen umgebracht, ein weiterer, Schdanov, beinahe vergiftet. Repressionen und Terror sind kein Zufall. In St. Petersburg herrschte immer ein starker Oppositionsgeist.


St. Petersburg ist die größte Stadt Europas ohne Hauptstadtstatus. Mit Beginn des 19. Jh. blieb sie der Bevölkerungszahl nach die viertgrößte europäische Stadt - mal vor mal nach Berlin, Wien, Neapel oder Moskau, aber immer nach Paris und London. Heutzutage ist die Stadt die viertgrößte Europas: Paris hat 9,5 Mio., Moskau 9,3 Mio., London 7,6 Mio. und St. Petersburg 4,7 Mio. Einwohner.


Die Verlegung der Hauptstadt nach Moskau 1918 gereichte der Stadt teilweise zum Vorteil. Das ließ den großen Altbauanteil erhalten. In der Sowjetischen Zeit galt Leningrad als provinzielle Stadt und für die Meisterwerke der sozialistischen Baukunst fehlte der Stadtregierung schlichtweg das Geld. Es gab nicht einmal genug Dynamit für die Sprengung von Kirchen. Den Wohnungsneubau führte man am Stadtrand durch. Infolge dessen blieb die Mehrzahl der steinernen Wohnhäuser aus der Zeit vor der Revolution, ca. 8000 Gebäude stehen. Vom Umleitungskanal (Obwodnij Kanal) bis zur Großen Newka und vom Alexander-Newskij-Kloster bis zum Handelshafen blieb die Stadt fast genauso bestehen wie sie 1917 aussah.


Durch den Verlust des Hauptstadtstatus haben die Petersburger eine besondere Weltempfindung. Im Großen und Ganzen sind sie ärmer als die Moskauer und nicht so rückhaltlos freundlich. Das Lebenstempo ist hier weniger intensiv. Dafür finden Sie in keiner anderen Stadt so viele Kenner von Sehenswürdigkeiten und Legenden. Das ist die Stadt der Vielleser, Verrückten und verkannten Genies. Dowlatow schrieb: “Leningrad besitzt den qualvollen Komplex
eines geistigen Zentrums, das etwas in seinen administrativen Rechten geschmälert wurde. Die Kombination aus Minderwertigkeit und ‹berlegenheit macht die Stadt zu einem äußerst spöttischen Herren.“ Die Arroganz, der unverständliche Hochmut der Petersburger rufen die nicht unberechtigte Gereiztheit der Moskauer hervor. Aber ohne Snobismus, Antipathie zur Vertraulichkeit, sein beinahe krankhaftes Selbstbewusstsein würden die Petersburger nicht sie selbst sein. Im Laufe des 20. Jh. wechselte die Stadt dreimal den Namen. Eine seltsame Sache! Bis zum Jahr 1917 hieß die Stadt St. Petersburg, bis 1924 – Petrograd, bis 1991 – Leningrad und seitdem wieder St. Peterburg“.
Lev Lurie

Mehr über die Geschichte der Stadt: http://www.st-petersburg.ru/de/about/history/